Zwei ungleiche Brüder: Kain und Abel nach der Erzählung von Gen. 4

Die Erzählung vom „Brudermord” gehört zu jenen biblischen Erzählungen, die eine tiefe Wirkung in unserer abendländischen Geistesgeschichte hinterlassen haben. Das gilt sowohl für die Kunst als auch für die Literatur. So wie Judas in diese als der Typus des „Verräters” eingegangen ist, stellen die beiden Brüder den Typus des „Mörders” und den Typus des „Opfers” dar. Auch die Bewertung des Bruderpaares folgt dem klassischen Muster von gut und böse, schwarz und weiß. In diesem gilt Kain weithin als die Inkarnation des „Bösen”, während Abel für den „Frommen” steht.
Das Opfer des einen wird angenommen, das des anderen abgelehnt. Das ist eine normale Erfahrung im menschlichen Leben. Es gibt Zeiten des Segens und des Glückes wie eben auch Zeiten der Erfolglosigkeit und des Misslingens. Die Frage ist nur, wie der Mensch mit diesen unterschiedlichen Erfahrungen umgeht. Nach dem Mord wird Kain nach der biblischen Erzählung vom Ackerland, seiner alten Heim- und Lebenswelt, vertrieben. „Unstet und flüchtig” auf Erden, gibt er sich nicht auf, sondern gründet eine Stadt und mit ihr die Anfänge der zivilisierten Kultur. Es ist eine hohe Anthropologie in narrativer Form, die uns in den ersten Kapiteln der Bibel erzählt wird und die meiner Überzeugung nach bis heute nichts von ihrer Spannung verloren hat.